Fahrstuhl in einen anderen Zustand

 

 

Text von Dr. Belinda Grace Gardner, Hamburg 2011

 

Der Kunstlift und andere prophylaktische Maßnahmen zur Identitätssteigerung

 

 

 

Am 7. Oktober 2009 wurde der Fahrstuhl des Gebäudes in der Stresemannstraße 100, gelegen zwischen den Hamburger Szene-Vierteln Altona und Sternschanze, vorübergehend von einer bunten schwebenden Wolke erfasst. Beim Durchreisen des fünf Stockwerke hohen Hauses, in dem die Hamburger Künstlerin Sabine Kullenberg ihr Atelier hat und gemeinsam mit einer Gruppe Gleichgesinnter ein Wohnprojekt betreibt, schwirrte und klimperte das Gespinst aus 5000 Kunststoffgäbelchen, die an durchsichtigen Nylonfäden befestigt waren, wie ein Insektenschwarm. Mit ihrer an Blütenflug im Wind oder flatternde Schmetterlinge erinnernden Installation bezog sich Sabine Kullenberg auf das Phänomen der Schwarmintelligenz oder kollektiven Vernetzung von Lebewesen, Kommunikations-, Informations- und Handlungssystemen. Und transponierte „trashige“ Alltagsgegenstände (schlichte Pommes-frites-Gabeln) in ein magisches dreidimensionales Bild auf Zeit. Mittlerweile hat die Künstlerin im beweglichen Kleinstraum des Fahrstuhls fast 30 Veranstaltungen realisiert.

 

 

 

Seit 2009 finden im Rahmen ihrer Reihe Kunstlift am siebten Tag eines jeden Monats wechselnde Ereignisse statt. Ausstellungen, Lesungen, Performances, Tanz, Musik, Film, Dialoge und anderes mehr war schon in Sabine Kullenbergs temporärer fahrbarer Galerie zu erleben: Neben Eigenproduktionen wie Schwarmintelligenz, Leere Fülle Leere oder Geheime Wahl 2010 gastierten hier unterschiedlichste KünstlerInnen und TheoretikerInnen aus Hamburg und anderswo. So gab es Fahrstuhlmusik des Duos Kombinat® (Malte Steiner und PsP), die Fotografin und Historikerin Susanne Sander präsentierte Bauhausfrauen, Carla Schäfer gestaltete eine Tanz-Performance, die Künstlerin Stilla Seis zeigte ihre Foto-Installation 7 Sekunden, bei der Etage für Etage der Lift selbst im kurzen Moment des Öffnens zum Medium „filmischer“ Sequenzen wurde, die den Innen- und Außenraum verbanden.

 

 

 

Der Kunstlift ist ein Format der Agentur für Identität – kurz A.F.I. –, die Sabine Kullenberg 2009 als konzeptuelle Plattform mit vielfältigen konkreten Wirklichkeitsverankerungen startete und in der sich zentrale Anliegen ihres ästhetischen Ansatzes bündeln. Sie setzt damit ihre längerfristige Untersuchung Ideell auf anderer Ebene fort, die sich in der parallelen Entwicklung von sieben Künstlerinnenpersönlichkeiten und entsprechenden Werkkomplexen manifestierte. Die A.F.I. ist als „Identitätsversicherung“ angelegt, die „vorbeugend“ bei „drohendem ‚Identitätsverlust’“ zur Wirkung kommen soll, aber auch im „Schadensfall“ Abhilfe durch künstlerische Identitätsstiftung verspricht – in Bezug auf Einzelpersonen ebenso wie auf Kollektive, Orte und Organisationen. Als interdisziplinäres, multimediales, Grenzen überschreitendes Konstrukt schafft die A.F.I. Raum für eigene Aktionen der Künstlerin sowie Interaktionen mit KollegInnen, anderen Kulturschaffenden und RezipientInnen im Wechselspiel von Kunst und Alltagswirklichkeit. Sabine Kullenberg bietet in ihrem Versicherungsprogramm der anderen Art bislang 16 „prophylaktische“ Maßnahmen gegen die zunehmende Gefahr von Kultur- und Ich-Verlust in unserer Gesellschaft an, mit dem Ziel einer Aktivierung und Steigerung persönlicher und kultureller Identität kraft der Kunst und deren subversiv-kreativer Energien.

 

Zum weiten Spektrum der „prophylaktischen“ Leistungen der als Verein organisierten A.F.I. gehören die Ereignisse des Kunstlifts ebenso wie Identitätsparcours und Führungen durch Kunst-, Natur- und Kulturlandschaften, das Ausfindigmachen und Servieren „geretteter Gerichte“ als konzertiertes Unterfangen, zu dem die Künstlerin acht Mal im Jahr Mitforschende und –essende in ihr Atelier lädt, Rundgänge, in denen sie ein „Sehen mit dem Körper“ vermittelt, Kleiderschauen (in Variation des Mottos „Kleider machen Leute“) jenseits gängiger Kanäle der Modedistribution, aber auch die Fortsetzung der bereits vor Initiierung der A.F.I. begonnenen offenen Serie prozesshafter Wasserportraits, die ungewohnte, verdeckte, unbekannte oder auch ganz neue Seiten der Portraitierten freisetzen. Letztere entstehen seit 2006 auf der Grundlage von Digitalfotos, die Sabine Kullenberg in der Regel selbst aufnimmt, mit einer eigens angemischten Tusche auf Stahlplatten in freie Zeichnungen überträgt und mit gewässertem Papier abzieht. In einem weiteren Übersetzungsschritt fotografiert sie die so entstandenen ephemeren, partiell fragmentarischen, zwischen An- und Abwesenheit changierenden Bildnisse noch einmal analog, bevor sie die Resultate wiederum auf Alu-Dibond-Platten abzieht und zum Schluss monochrom koloriert, wobei entscheidend ist, dass die Oberfläche nicht versiegelt wird, sondern empfindlich bleibt.

 

In diesen komplexen, mehrstufigen Portraits ist nicht nur eine Auseinandersetzung mit dem Gegenüber inklusive Blickverschiebung und –vertiefung Anliegen der Künstlerin, sondern auch die Beschäftigung mit dem identitätsherstellenden und –sichernden Aspekt des Portraits, dessen Aufgabenspektrum traditionell von Herrschaftsstärkungs- und Repräsentationszwecken über Freundschaftsbekundung bis hin zum Ausdruck amouröser Zuneigung und der Wahrung von Erinnerung reichte. In unserer medial durchdrungenen und virtualisierten Realität ist das Portrait längst zur jederzeit manipulier- und änderbaren visuellen Fiktion geworden, über die keine verbindlichen Rückschlüsse mehr auf das Subjekt gezogen werden können: Auch diese Problematik rückt Sabine Kullenberg mit ihren Wasserportraits spezifisch in den Fokus. Im Ineinandergreifen von ironischer Hinterfragung der Institution, Investitions- und Wirtschaftsform „Versicherung“ und ernsthafter Übernahme von deren sozialen Parametern richtet sich die A.F.I. tatsächlich auch an reale „Versicherungsnehmer“, die einen „Pakt“ mit der Kunst schließen können, wie es Sabine Kullenberg in ihrem Konzept-Flyer zum Projekt formuliert hat. Die A.F.I. funktioniert nach dem Prinzip der Partizipation: „Versicherte“ investieren in einen Prozess, der künstlerischen Mehrwert generiert, und sind zugleich aktive TeilnehmerInnen am Ereignis „Kunst“.

 

 

 

Das Thema „Identität“ zieht sich durch die mehrsträngige künstlerische Praxis von Sabine Kullenberg seit Jahren hindurch. Dabei geht die Beschäftigung mit „Identität“ weit über die Erforschung der eigenen Person und Rollen hinaus und umfasst neben der Beleuchtung des individuellen Selbstverständnisses die Untersuchung kollektiver und gesellschaftlicher, lokaler und institutioneller Identitäten. Durchgängig wählt die Künstlerin dafür Ausdrucksmittel, die den im Fluss befindlichen Energien des Temporären, Prozesshaften, Performativen, Beweglichen, Interdisziplinären und Dialogischen folgen. Ihr konzeptueller Ansatz wurzelt dabei grundsätzlich im konkreten, handlungsorientierten Areal der Alltagswirklichkeit, im wechselseitigen Austausch von Kunst und Leben. Im „Kommunikationsnadelöhr“ Kunstlift wird ihr Verfahren besonders gut sichtbar, „in beschränktem, beweglichem Raum“ eine Bühne für Experimente zu schaffen, deren Ausgang offen bleibt und die auch scheitern dürfen. Aus Sicht der Künstlerin „gehört das Scheitern mit dazu“ und hält die ästhetische Dynamik in Gang, aus der immer wieder Neues, Unerwartetes, Blickveränderndes zu erwachsen vermag.

 

 

 

 

 

 

 

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